Autor:  Hinzugefügt am 25.11.2007, zuletzt aktualisiert am 03.11.2015

Test: Hellgate: London bietet Tumult in der U-Bahn

Hellgate: London - Screenshot
Hellgate: London - Screenshot

London ist nicht mehr das, was es mal war. Das trübe Wasser der Themse ist längst im Nirgendwo versickert, die prächtigen Bauten von Westminster und Big Ben sind zu Ruinen zerfallen und überall streifen abscheuliche Monster durch die verlassenen Gassen. Ist ja auch kein Wunder, schließlich haben sich die Kreaturen der Hölle die einst blühende Metropole als Einfallsgebiet für einen neuerlichen Versuch ausgeguckt, um unsere Welt zu erobern.


Was für ein Zufall

Und so öffnen sich mal wieder die Tore zur Hölle und die daraus hervorquellenden Bestien stürzen London in ein nie gesehenes Inferno. Nun ja, nicht ganz – denn anders als Titan Quest, das mit seinen, von Hand gebauten Level, stets für Abwechslung sorgt, setzt Hellgate seine Umgebung per Zufallsgenerator aus den immer gleichen Bausteinen zusammen. Zwar sind diese Bausteine vielfältig, dennoch haben Sie bereits nach kurzer Zeit alles gesehen und so stellt sich schnell Langeweile ein. Besonders schlimm wird dies, wenn Sie durch eines der zahlreichen Höllenportale in die dämonische Unterwelt wechseln, denn die sieht immer gleich aus. Und wenn wir sagen gleich, dann meinen wir gleich. Hier, wie auch an anderen Stellen, wird einiges an Potential verschenkt.

Die zufallsgenerierten Standardaufträge lassen ebenfalls Abwechslung vermissen. Da sollen Sie eine bestimmte Anzahl an Monstern töten, eine Gegend erkunden oder ein bestimmtes Objekt beschaffen. Lediglich die Hauptquests heben sich löblich vom Einerlei der übrigen Missionen ab. Da kämpfen Sie dann schon mal im Kopf eines besessenen Soldaten oder kämpfen sich durch einen stockfinsteren Level. Leider überwiegt die Standardkost. Flagship verschenkt so manche Chance.

Mit den gegnerischen Monstern verhält es sich ähnlich. Zwar sind die Bewohner der Höllendimension detailreich, fantasievoll und äußerst schick gestaltet, allerdings haben Sie bereit nach kurzer Zeit den Großteil davon gesehen. Dafür setzen die Macher bei Flagship die Auseinandersetzungen spektakulär in Szene und brennen dabei ein wahres Feuerwerk an Effekten ab: Schutzschilde leuchten auf, wenn sie getroffen werden; Zauber ziehen flammende Spuren durch die Gegnerhorden – ständig gibt es etwas zu sehen und zu bestaunen. Und so lassen Sie sich ein ums andere Mal ablenken.

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Dazu gesellt sich eine einfache Bedienung. Per „WASD“-Tasten steuern Sie Ihren Helden durch die Levels. Dabei betrachten Sie Ihre Spielfigur entweder per Schulterblick oder blicken in der Ego-Ansicht direkt durch die Augen Ihres Protagonisten. Insgesamt haben Sie die Wahl zwischen drei Fraktionen: Templer, Kabbalisten oder Jäger – mit jeweils zwei Unterklassen. Jede Klasse spielt sich anders und erfordert ihre eigene Taktik: So greifen Nahkämpfer zu den Schwertmeistern oder Wächtern der Templer, schießwütige Ego-Shooter-Fans entscheiden sich entweder für den Ingenieur oder den Schützen der Jäger und zauberaffine Spieler wählen zwischen Beschwörer und Angriffsmagier der Kabbalisten. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Klassen spüren Sie bereits von Beginn an. Ingenieure basteln sich Kampfdrohnen, Beschwörer greifen auf die Unterstützung von eigenen Kreaturen zurück und Schwertmeistern schnetzeln sich mit zwei Klingen durch die Gegnerscharen. Und während Sie als Schützen Ihre Widersacher genau anvisieren müssen, reicht es bei den anderen Klassen schon, wenn Sie grob in die Richtung Ihrer Feinde zielen. Mit der Zeit verbessern Sie mit den, bei Stufenaufstieg erhaltenen Zählern Ihre vier Grundwerte Präzision, Stärke, Ausdauer und Willenskraft. Zusätzlich investieren Sie Punkte in eines der vielen verschiedenen Talente. Hierbei sollten Sie allerdings Vorsicht walten lassen, denn nicht jedes Talent macht wirklich Sinn und einmal vergebene Punkte gibt es nicht mehr zurück.

Licht und Schatten

Die Bedienung gestaltet sich einfach. Wie schon erwähnt, erkunden Sie per „WASD“-Tasten Ihre Umgebung. Zielen und Kämpfen tun Sie via Maus. Zusätzlich legen Sie Talente, Heiltränke und Zaubersprüche auf einer Leiste für den schnellen Zugriff ab und frischen so auf Knopfdruck Ihre angeschlagene Gesundheit wieder auf oder erschaffen mal eben einen Dämon, der Sie im Kampf unterstützt. Als äußerst wertvoll erweist sich die Möglichkeit, drei verschiedene Waffensets anzulegen, zwischen denen Sie mit den Tasten F1 bis F3 jederzeit wechseln dürfen und somit sehr flexibel auf neue Bedrohungen reagieren können. Auf der anderen Seite erweist sich das Inventar als viel zu klein und wird dank fehlender Sortierfunktion zudem noch unübersichtlich. Nicht die einzige fehlende Komfortfunktion.

Wie im Genre der Action-Rollenspiele üblich, lassen erledigte Gegner Unmengen an Beutestücken fallen. Viele davon sind aber für Ihren Charakter nutzlos, da sie für eine andere Klasse bestimmt sind oder Sie noch nicht die erforderliche Stufe erreicht haben. Erstere zerlegen Sie am Besten gleich vor Ort in ihre Einzelteile, was zum einen Platz im knappen Inventar schafft und zum anderen Komponenten zum Verbessern der Ausrüstung liefert. Ansonsten können Sie nicht benötigte Gegenstände bei einem Händler verkaufen. Das so verdiente Geld investieren Sie in neue Ausrüstung oder dauerhafte Verbesserungen von Waffen und Rüstungen. Dazu finden Sie in den U-Bahn-Stationen verschiedene Automaten, an denen Sie vorgenommene Modifikationen kostenpflichtig wieder rückgängig machen können.

Um an all die schicken und effektiven Beutestücke zu gelangen, nehmen Sie von Nichtspieler-Charakteren Aufträge an. Die Gespräche, die Sie dabei führen, sind gut gemacht und überzeugen unter anderem mit ausgezeichnetem Humor. Leider sind nur die wenigsten Dialoge vertont. Wieder ein Punkt, an dem Hellgate viel von seinem Potential verschenkt. Genauso wie bei der absolut banalen Geschichte, in der Dämonen aus einer Höllendimension die City von London überrennen. Außerdem bleiben viele Details der Handlung im Dunkeln, wenn Sie nicht über angelesene Vorkenntnisse verfügen.

Der Sound überzeugt im Wesentlichen. Die wuchtigen Effekte in den Kämpfen überzeugen. Die Musik schwächelt leider ab und an. Und wenn dann mal doch ein Dialog vertont wurde, passen die Sprecher.

Mehr Spaß kostet

Der Mehrspieler-Modus von Hellgate: London setzt sich aus zwei wesentlichen Teilen zusammen: dem PvE- und dem PvP-Modus. In ersterem ziehen Sie wie im Einzelspieler-Modus gemeinsam mit Ihren Mitstreitern in den Kampf gegen Monster. In letzterem schlagen Sie sich in den Levels mit menschlichen Gegenspielern herum. All das dürfen Sie nur auf Flagship-eigenen Internet-Servern. Ein Netzwerkmodus für zuhause fehlt. Der Grund dafür: Flagship will nicht nur am Verkauf des Spiels verdienen. Und so bietet man neben einem offenen Mehrspieler-Modus für Jedermann, einen kostenpflichtigen Teil für die zahlende Kundschaft an. Wer bereit ist, für mehr Spaß in die Tasche zu greifen, bekommt mehr spielbare Charaktere, mehr Stauraum für seine Beute, darf Gilden gründen, zusätzliche Gegenstände und Talente sammeln und bekommt zu bestimmten Anlässen wie Halloween besondere Aufträge und spezielle Gegenstände.

Testen konnten wir den Mehrspielerbereich leider nicht, da es uns nicht möglich war, eine Verbindung herzustellen und wenn es dann doch mal klappte, brach diese nach nur wenigen Sekunden wieder zusammen. Diese Probleme liegen wohl allerdings nicht bei Hellgate, sondern bei der technischen Ausstattung des Testers. Einfach ausgedrückt: der Router spinnt. Somit müssen wir auf eine Bewertung des Mehrspieler-Modus leider verzichten.

Fazit

Ich muss gestehen, dass ich keinen der beiden Diablo-Teile gespielt habe. Und das, obwohl zumindest der zweite Teil irgendwo in meiner Wohnung herumschwirrt. So ging ich wenigstens ohne Vorurteile oder eine übergroße Erwartungshaltung an den Test von Hellgate: London und kann getrost die Tatsache ignorieren, dass sich ein nicht geringer Teil der Flagship-Belegschaft aus ehemaligen Blizzard-Mitarbeitern rekrutiert, die noch an besagtem Hack-and-Slash-Klassiker arbeiteten.

Dennoch fällt mir eine eindeutige Einschätzung schwer. Zum einen greifen die Mechanismen aus Sammelwut und Erfahrungspunktejagd. Zum anderen enttäuscht die banal und nur dürftig erzählte Geschichte und der Mangel an Abwechslung bei Gegnern und Umgebung. Und so ist Hellgate: London einfach nur das Spiel der vertanen Chancen. Fans von Action-Rollenspielen werden trotzdem belohnt: Schon allein durch die atemberaubenden Kämpfe und die Vielzahl an lohnenden Gegenständen.

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